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Design by committee

Politik war auch an der diesjährigen Front Conference ein beliebtes Thema. Espen Brunborg greift das «Monster» Firmenpolitik verspielt auf, kreiert ein fast schon sprichwörtlich pinkes Nilpferd für betrunkene Piraten und beweist gekonnt, dass die eierlegende Wollmilchsau so unattraktiv ist, wie sie sich anhört.

Was ist Design by committee?

«Design by committee», auch bekannt als «Crap by committee»: Wikipedia spricht von einer gewissen Tendenz von Designs, die durch partizipative Entscheidungsprozesse angepasst werden, schlecht oder gar miserabel auszufallen. Man findet einen faulen Kompromiss zwischen vorhandenen Anforderungen und unqualifizierten Meinungen, um Ego-getriebene Platzhirsche zu befriedigen. Ermöglicht wird es vor allem durch fehlende Führung, mangelndes technisches und gestalterisches Verständnis, unnötige Komplexität und das Fehlen einer klaren Vision.

Design by committee vs. Design by dictator

Design by committee ist der krasse Gegensatz zu Design by dictator, wo ein Product Owner oder ein Project Lead die finale Entscheidung fällt. Und manche Zungen behaupten, dass bei einer Produktentwicklung Entscheidungen ausschliesslich auf einer klaren Vision und Expertise basieren sollten, sicherlich jedoch nicht auf Konsens zwischen diversen Stakeholdern. Denn sobald das Design zur Gruppenentscheidung wird, entsteht etwas, was niemand hasst, jedoch auch niemand wirklich mag.

User-Feedback vs. Gruppenentscheidungen

Obacht – dabei sprechen wir nicht von User-Tests oder User-Feedback. Ein Smartphone mag auf der Vision einer Kerngruppe oder sogar einer einzelnen Person basiert haben. Das iPhone wäre aber nicht da, wo es ist, ohne Rückmeldungen von Kunden. Nein, gemeint sind firmenpolitisch getriebene Entscheidungen in der Entstehungsphase eines Produkts. Die gefürchteten Sätze beginnen meist mit einem «Ich bin zwar kein Designer, aber…» und enden mit «Warum können wir den ganzen Weissraum da nicht nutzen?» oder «Es ist nicht poppig genug.»

Nein, keiner von ihnen ist Designer. Sie wissen nur, was sie nicht wollen, können sich aber erst artikulieren, wenn sie etwas sehen. Sie brauchen eine Steilvorlage, bevor sie der in ihnen schlummernden Expertise Ausdruck verleihen können. Aber schliesslich sind wir in der Dienstleistungsindustrie, und der Kunde ist König – müssen wir also nicht einfach leben mit Kompromissen und den zweifelhaften Ergebnissen von Gruppenentscheidungen?

Foto von der Front Conference Zurich 2019 (Flickr)
Foto von der Front Conference Zurich 2019 (Flickr)

Espen und der Designausschuss

Espen Brunborg hat auf der Front Conference am 29. August 2019 den Versuch gestartet, in weniger als einer Stunde ein Produktkonzept zu entwickeln, welches voll und ganz auf dem Input des Publikums basiert. Er forderte den ultimativen Ausschuss heraus, einen Produktnamen, eine Zielgruppe und ein Design für ein imaginäres Start-up zu erschaffen.

Mit einer Instant-Umfrage Entscheidungen fällen

Dafür gab er dem Publikum Zugang auf eine Umfrage und leitete es systematisch mit ausgewählten Fragen zum Ziel. Ob es nun um die Farbwahl ging, die Schrift, den Produktnamen oder das Zielpublikum – die Mehrheit hat entschieden. Dabei gewährte er Einblick in die Denkprozesse und Probleme, die einen Designer plagen, wenn er sich einer unmöglichen Deadline und einem Haufen Stakeholder gegenübergestellt sieht. Er startete den Workshop mit dem Zitat: «Ein Kamel ist ein Pferd, das von einem Ausschuss kreiert worden ist», betonte aber gleichzeitig, dass ein Kamel perfekt für die Wüste gemacht wurde, und stellte provokativ die Frage: Design by committee – ist es nicht letzten Endes sogar gut?

Das Produkt: «Pink Hippo» für betrunkene Piraten

Es entstand ein fiktives High-End-Produkt, welches an betrunkene Piraten verkauft werden sollte: Pink Hippo (ja, «Hippo» schlug «Panda» als Produktnamen bei Weitem), das halbverdaute Bier mit dem Company-Slogan «Get drunk. Twice». Niemand hasste es, alle hatten ihren Spass. Aber auf die Frage nach der Zufriedenheit mit dem Design fiel das Feedback niederschmetternd aus. Überraschung: Keiner mochte es.

Alle konnten mitreden – aber niemand mochte das Ergebnis

Am Ende der Session war die Message klar: Zu viele Köche verderben den Brei. Wenn ein Ausschuss das Sagen hat, hat man zwar einen Haufen Meinungen berücksichtigt, das Publikum bleibt jedoch unbefriedigt. Wer das Ergebnis sehen möchte, der sei auf Espens Twitter-Account verwiesen. Dort ist es von fleissigen Twitterern dokumentiert worden. Inklusive des Hashtags #drunktwice.

Foto von der Front Conference Zurich 2019 (Flickr)
Foto von der Front Conference Zurich 2019 (Flickr)

Own the Process – Control the Environment

Und die Lösung? Ausschüsse lassen sich nicht vermeiden, sagt Espen. Nichts geschieht in einem Vakuum. Design ist eine Serie von Entscheidungen und ein Haufen von Fragen. Der Designer ist jedoch nicht schutzlos den geschmacklosen Anfällen eines unqualifizierten Publikums ausgeliefert, dessen einzige Mission es zu sein scheint, den Kreativen stehen zu lassen wie ein Schulkind, das einen Ausschuss braucht, um seine Arbeit zu vollenden.

Wir können uns aussuchen, welche Fragen wir dem Ausschuss stellen. Und wir können bestimmen, was zwischen den Meetings passiert. Es ist durchaus möglich, Stakeholder dahin zu lenken, wo man sie gerne haben möchte. Das Geheimnis liegt, laut Espen, zwischen den Schulterblicken und einer sauberen Vorbereitung von Entscheidungsgrundlagen sowie dem Briefing aller Beteiligten. Wie das gehen soll? Fragen Sie unsere Designer. Sie haben die Herausforderung mehr als einmal gemeistert.

Wer ist Espen Brunborg?

Unic an der DrupalCon in Amsterdam

Wir reisen an die DrupalCon Amsterdam und haben spannende Insights, Ideen und Projektgeschichten mit im Gepäck. Wir freuen uns darauf, unser Wissen mit der Community zu teilen.

Design ist immer politisch

Dieser Artikel gibt einen Eindruck der Frontend Conference Eröffnungsrede von Mike Monteiro – How to Fight Fascism.

Ich bin UX-Architect habe einen Designhintergrund und ein grosses Interesse an UCD (User centered Design), arbeite gern mit Menschen, mag gutes UI, gute kontextbezogene Benutzerführung.