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LGBTI-Label: Für mehr Diversität und Inklusion

Carmen CandinasJuli 2022

Das LGBTI-Label zeichnet Organisationen aus, die sich für die Gleichberechtigung von LGBTI-Personen im Unternehmen einsetzen. Auf dem Weg zum Qualitätssiegel haben wir bestehende Prozesse aktualisiert und neue angestossen, durften spannende Gespräche führen und uns weiterbilden. Unterstützt wurden wir dabei von Coaches wie Chri Hübscher von trans welcome, einem Projekt von Transgender Network Switzerland (TGNS). Mit Chri haben wir uns nach der Zertifizierung noch tiefergehender unterhalten: über das LGBTI-Label, inklusives Design und den Umgang mit LGBTI-Personen.

Chri, was bedeutet es für dich, wenn Unternehmen das Swiss LGBTI-Label erhalten?

Chri Hübscher: Ich finde es gut, wenn sich Organisationen mit dem Thema LGBTI auseinandersetzen. Ein solches Label ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Wenn ich auf Stellensuche wäre, dann hätte das LGBTI-Label bestimmt eine positive Wirkung auf mich.

Allerdings sind solche Labels immer auch ein zweischneidiges Schwert. Organisationen müssen zunächst gewisse Kriterien erfüllen, um sie zu erhalten. Sobald sie das Label jedoch erhalten haben, lehnen sich viele Organisationen wieder zurück. Unternehmen sollten ihr Engagement in dem Bereich nicht reduzieren, denn das Label allein macht noch lange kein perfektes Unternehmen für LGBTI-Menschen.

Am Thema dranbleiben: Immer wieder Impulse setzen, auch aus verschiedenen Blickwinkeln

Chri Hübscher, Projekt trans welcome

Was sollten Unternehmen stattdessen tun?

Sie müssen am Thema dranbleiben. Immer wieder Impulse setzen, auch aus verschiedenen Blickwinkeln. Zum Beispiel indem sie Workshops zum Thema anbieten. Bei trans welcome führen wir auch spezifische Workshops für kleinere Gruppen durch. Da merke ich jeweils, wie die Themen bei den Teilnehmenden etwas auslösen. Danach liegt es an ihnen, das Wissen weiter in die Organisation zu tragen.

Als UX Architect und Dozentin im Bereich Human-Centered Design beschäftigst du dich beruflich mit digitalen Produkten. Wie können wir digitale Produkte inklusiver gestalten?

Unternehmen und auch Agenturen haben einen grossen Einfluss darauf, wie digitale Produkte gestaltet sind. Für uns ist es wichtig, dass wir auf verschiedenen Ebenen mitbedacht werden, auch wenn wir von der Mehrheit abweichende Bedürfnisse haben. An der Oberfläche digitaler Produkte geht das über Sprache oder Bilder. Wir fühlen uns mitberücksichtigt, wenn in Texten zum Beispiel mit dem Genderstern gegendert wird und Bilder nicht nur hetero-normativ aussehende Menschen zeigen. Bei Prozessen oder Formularen, beispielsweise bei der Anrede, sollte eine neutrale Anrede zur Auswahl stehen. Auch die Struktur digitaler Produkte, die Informationsarchitektur, hat vielerorts noch Potenzial. Zum Beispiel sind Onlineshops für Bekleidung meist in die Kategorien «Frauen» und «Männer» geteilt. Dabei gibt es auch andere Kriterien, anhand derer man Produkte strukturieren kann.

Wo siehst du insbesondere Aufholpotenzial?

Vor allem bei den Prozessen und Formularen. Ein Beispiel: Als ich auf einer Online-Plattform einen Antrag gestellt habe, um meinen Namen zu ändern, habe ich eine E-Mail mit der alten Anrede und dem alten Namen erhalten. Man hat mir in dieser E-Mail mitgeteilt, dass die Änderung «ausnahmsweise» möglich sei. Diese Antwort hat mich gekränkt. Denn sie suggeriert, dass mein Wunsch eigentlich zu viel verlangt ist und sie mir diesen nur erfüllen, weil sie gnädig sind. Genau bei solchen Themen könnte man uns das Leben einfacher machen. Indem beispielsweise die Leute sensibilisiert werden, die solche Anfragen bearbeiten.

Wie bekommt man eine solche Sensibilisierung hin?

Das kann in entweder in Schulungen geschehen, oder das Unternehmen verfasst eine Policy und definiert Prozesse. Schliesslicht gibt es für alles Mögliche einen Prozess. Es ist wichtig, dass es Dokumente mit entsprechenden (Kontext-)Informationen gibt, auf die Mitarbeitende zurückgreifen können.

Das Wichtigste ist, offen an das Thema heranzugehen und keine fixen Vorstellungen zu haben.

Chri Hübscher, Projekt trans welcome

Was würdest du Personen raten, die sich an das Thema LGBTI herantasten möchten, zum Beispiel im Arbeitsalltag?

Das Wichtigste ist, offen an das Thema heranzugehen und keine fixen Vorstellungen zu haben. Zu trans Menschen oder non-binären Personen haben viele Leute bereits eigene Bilder und Vorstellungen. Beispielsweise, dass jemand geschminkt sein muss oder sich so und so kleidet.

Wenn man jemand neues kennenlernt, kann man der Person bei der Begrüssung die eigenen Pronomen mitteilen und nach ihren fragen. Dies sollte man aber immer tun und nicht nur, wenn man den Verdacht hat, mit einer non-binären Person oder einer trans Person zu sprechen.

Gibt es sonst noch etwas, wovon du im Umgang mit LGBTI-Personen abraten würdest?

Sich interessiert zeigen ist gut, jedoch sollte man LGBTI-Personen nicht als wandelndes Lexikon betrachten. Sich informieren und dann etwas nachfragen ist jedoch meistens okay. Um mehr über den Umgang mit non-binären Personen oder Transmenschen zu erfahren, kann ich meine Website nonbinary.ch und tgns.ch empfehlen.

Vielfalt macht uns stark. Diversität & Inklusion bei der Unic bedeutet für uns: Wir schätzen unterschiedliche Sichtweisen, respektieren Vielfalt und legen Wert auf transparente Zusammenarbeit.

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Zur Person

Chri Hübscher (sie oder they) beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit User Centered Design, arbeitet als UX Architect und doziert an der Uni Basel und an der Ostschweizer Fachhochschule. Chri betreibt die Website nonbinary.ch und ist Mitglied von Transgender Network Switzerland. Im Rahmen des Projekts trans welcome führt Chri Workshops für Organisationen durch und bietet selbst Vorträge und Workshops an – auch zu User Experience und Geschlechtervielfalt.

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