Nachhaltige digitale Services: 15 Massnahmen für einen kleineren CO₂-Fussabdruck

Lukas Kocherhans

Lukas KocherhansJuli 2026

In Kürze

  • Der ICT-Sektor verursacht mindestens 1,7 % der weltweiten Treibhausgasemissionen – ähnlich viel wie die Luftfahrt.

  • Nachhaltige Websites sind schnellere Websites: Energieeffizienz und Performance gehen Hand in Hand.

  • 15 konkrete Massnahmen aus Architektur, Frontend und Betrieb reduzieren den digitalen Fussabdruck messbar.

  • Nachhaltigkeit umfasst drei Dimensionen: Ökologie, Ökonomie und gesellschaftliche Zugänglichkeit.

  • Bereits einfache Schritte wie konsequentes Caching oder optimierte Bildformate sparen über Monate beträchtliche Datenmengen.

Server und Mobiltelefone laufen heiss

Die digitale Transformation bietet enorme Chancen. Doch gleichzeitig steigt ihr Energiebedarf ungebremst. Viele Diskussionen kreisen rund um KI und Produktivität – den ökologischen Einfluss der globalen IT-Infrastruktur unterschätzen viele weiterhin. Studien beziffern den Anteil des ICT-Bereichs an den weltweiten Treibhausgasemissionen auf mindestens 1,7 %. Die oft kritisierte Flugbranche verursacht global rund 2 % der Emissionen – die ICT-Branche bewegt sich also in einer ähnlichen Grössenordnung. Gleichzeitig sind die Werte im digitalen Bereich nur sehr begrenzt messbar. Die letzten umfassenden Abschätzungen stammen aus der Zeit vor dem KI-Boom, sodass der heutige Energiebedarf vermutlich deutlich höher liegt als die verfügbaren Zahlen vermuten lassen.

Auch Websites werden immer datenintensiver: Der Median einer mobilen Website lag 2016 noch bei 960 KB, 2020 bei 1'885 KB und im April 2026 bereits bei rund 2'666 KB. Grössere Websites benötigen mehr Übertragungsvolumen. Sie belasten Endgeräte und Infrastruktur stärker. Und sie führen zu längeren Ladezeiten.

Dies wird insbesondere dort relevant, wo Netzwerkinfrastrukturen nicht gleich gut ausgebaut sind oder Geräte älter sind. Nachhaltigkeit bedeutet daher auch, digitale Angebote so zu gestalten, dass sie möglichst effizient und ressourcenschonend funktionieren – unabhängig von Gerät oder Standort.

Den unsichtbaren Energieverbrauch sichtbar machen

Tools wie Website Carbon versuchen, den CO₂-Ausstoss einer Website auf Basis ihrer übertragenen Daten zu berechnen. Die Resultate sind Annäherungen – aber sie schaffen Bewusstsein.

Ein Beispiel: Die Seite, auf der Sie sich befinden, erreicht ein B-Rating, ist «cleaner» als 83 % aller getesteten Websites und verursacht pro Aufruf rund 0,09 g CO₂. Das ist ein Hinweis darauf, dass Optimierungspotenzial vorhanden ist – und dass sich auch kleine Verbesserungen messbar auswirken.

Ein zentraler Hebel liegt in der Wahl des Hosting-Anbieters. Viele Rechenzentren werden weiterhin mit nicht erneuerbaren Energien betrieben. Nachhaltig betriebene Infrastruktur ist deshalb ein starkes Instrument, um den ökologischen Fussabdruck digitaler Services zu senken.

Hosting ist aber nur ein Teil der Gleichung. Energie braucht es auch für die Übertragung und Darstellung von Inhalten. Wer digitale Services entwickelt oder betreibt, hat zahlreiche Möglichkeiten, den Verbrauch aktiv zu reduzieren.

«Der Energieverbrauch digitaler Services endet nicht im Rechenzentrum. Jede Anfrage, jede Datenübertragung und jede Darstellung auf dem Endgerät trägt zum gesamten Ressourcenverbrauch bei.»

Roman Domke
Senior Application Engineer, Unic

Als Entwickler:innen: unsere Mitverantwortung für die digitale Ökobilanz

Als Entwickler:innen befinden wir uns in einem Dilemma. Einerseits wollen wir für unsere Kund:innen begeisternde Produkte schaffen, ihnen helfen, Märkte zu erschliessen und Produkte auf innovativem Wege zu verkaufen. Andererseits kommen wir nicht darum herum, uns als Mitverursacher einer immer grösser werdenden globalen Herausforderung zu sehen. Die Wissenschaft ist klar: Nachhaltigkeit gelingt nur mit gemeinsamer Verantwortung und konsequentem Handeln.

15 Massnahmen für nachhaltige digitale Services

Nachhaltigkeit beginnt nicht erst im Hosting. Auch in Design, Architektur, Frontend- und Backend-Entwicklung lässt sich Energie sparen und die Performance steigern.

Ein wichtiger Grundsatz: Nachhaltige Websites sind in der Regel auch schnellere Websites. Sie bieten eine bessere User Experience, wirken sich positiv auf die Core Web Vitals aus und verbessern damit die Sichtbarkeit in Suchmaschinen und KI-basierten Antwortsystemen.

Hierzu die 15 wichtigsten Punkte, an denen wir Entwickler:innen ansetzen können, um die Auslieferung und Anzeige von digitalen Diensten und Produkten zu optimieren und damit Energie zu sparen:

  • Nutze moderne Übertragungsprotokolle und Content Delivery Networks (CDN):

    Moderne CDNs liefern Webinhalte heute standardmässig über HTTP/3 aus, das von allen grossen Browsern und Anbietern wie Cloudflare, Fastly oder Akamai unterstützt wird. Gegenüber HTTP/2 ermöglicht HTTP/3 insbesondere auf mobilen und instabilen Netzwerken schnellere Ladezeiten (rund 8 % auf Desktop und 3,5 % auf Mobile). Der wichtigste Hebel liegt dabei nicht im Frontend-Code, sondern in der Wahl einer zeitgemässen Infrastruktur. Durch die geografisch nahe Auslieferung von Inhalten werden Ladezeiten, Wiederholungsübertragungen und damit auch der Energieverbrauch pro Seitenaufruf reduziert.

  • Nutze moderne Kompressionsverfahren (Brotli, Gzip, Zstandard):

    Die Komprimierung von Textressourcen wie HTML, CSS und JavaScript ist weiterhin ein zentraler Hebel zur Reduktion der übertragenen Datenmenge. Neben Gzip und dem effizienteren Brotli etabliert sich zunehmend Zstandard (zstd), das bei vergleichbarer Kompressionsrate deutlich schneller als Brotli arbeitet und von CDNs wie Cloudflare seit 2025 unterstützt wird. Die Browser-Unterstützung ist weit fortgeschritten, einzig Safari bietet derzeit noch keinen nativen Support. Unabhängig vom Verfahren empfiehlt es sich, Assets bereits im Build-Prozess statisch zu komprimieren, um zusätzliche Rechenlast auf dem Webserver zu vermeiden und Energie zu sparen.

  • Nutze Server-side Rendering mit intelligenter Caching-Strategie:

    Beim Server-side Rendering (SSR) werden Seiten bereits auf dem Server als HTML erzeugt und an den Browser ausgeliefert, wodurch Endgeräte entlastet werden. Moderne Weiterentwicklungen wie Partial Hydration, Islands Architecture oder React Server Components reduzieren dabei die Menge an JavaScript zusätzlich, da nur interaktive Komponenten ausgeliefert werden. In Kombination mit einem vorgelagerten Caching-System oder einer statischen Auslieferung über ein CDN muss eine Seite nicht bei jedem Aufruf neu gerendert werden.

  • Mach dir Gedanken zum Code Splitting:

    Auch mit modernen Übertragungsprotokollen wie HTTP/3 bleibt Code Splitting relevant. Der Hauptnutzen liegt in der Reduktion der initial auszuführenden JavaScript-Menge. Wird nur der Code geladen, der für die aktuell angezeigte Ansicht notwendig ist, verringern sich Parsing-, Kompilierungs- und Ausführungsarbeit im Browser. Das wirkt sich positiv auf Ladezeit, Interaktivität und den Energieverbrauch auf dem Endgerät aus.

  • Setze langlebige Cache Headers:

    Je länger statische Assets wie JavaScript, CSS oder Bilder im Browser-Cache verbleiben können, desto weniger Anfragen und Datenübertragungen sind nötig. Etablierte Best Practices wie Content-Hashing in Dateinamen ermöglichen es, sehr lange Cache-Zeiten sicher einzusetzen, da sich Dateien bei Änderungen automatisch neu laden. Ergänzend sorgen Immutable-Header (

    Cache-Control: immutable

    ) dafür, dass unveränderte Assets gar nicht erst erneut angefragt werden. Das reduziert Netzwerklast, beschleunigt Seitenaufrufe und senkt den Energieverbrauch auf Server- und Client-Seite.

  • Nutze Lazy Loading und Intersection Observer:

    Ressourcen sollten erst dann geladen und ausgeführt werden, wenn sie tatsächlich benötigt werden. Für Bilder und iframes lässt sich dies heute am einfachsten mit nativem Lazy Loading umsetzen, das von allen gängigen Browsern unterstützt wird. Ergänzend ermöglicht die Intersection Observer API, rechenintensive Aktionen wie Animationen, Videos oder JavaScript-Logik erst dann zu starten – oder bewusst zu pausieren –, wenn sich Inhalte im sichtbaren Bereich befinden. Moderne Browser-Features wie

    content-visibility: auto

    gehen noch einen Schritt weiter, indem sie auch das Rendering und die Layout-Berechnung für nicht sichtbare Inhalte überspringen.

  • Optimiere Bilder mit Responsive Images und automatisierter Auslieferung:

    Bilder sind einer der grössten Datentreiber im Web und sollten konsequent optimiert werden. Mit Responsive Images wird sichergestellt, dass Endgeräte nur die Bildgrössen laden, die sie tatsächlich benötigen, während moderne Formate wie AVIF (rund 95 % Browser-Support in 2026) die Dateigrösse gegenüber JPEG oder WebP deutlich reduzieren. Aktuelle Web-Performance-Guidelines empfehlen, Bildoptimierung nicht manuell, sondern automatisiert über Build-Prozesse oder Bild-CDNs umzusetzen, um pro Browser und Gerät stets die effizienteste Variante auszuliefern.

  • Stelle einen Dark Mode bereit:

    Am Dark Mode scheiden sich die Geister. Die einen mögen ihn, die anderen empfinden das Lesen von hellem Text auf dunklem Grund als mühsam. Sicher ist, dass sich der Dark Mode bei OLED-Bildschirmen positiv auf den Energieverbrauch auswirkt: Praxis-Tests zeigten bei typischer Nutzung zwischen 7–9 % weniger Verbrauch. Bei LED-Bildschirmen entfällt dieser Effekt.

  • Verhindere Reflows:

    Nicht jeder Reflow führt zu einem für Nutzer:innen sichtbaren Layout Shift, verursacht aber dennoch zusätzliche Rechenarbeit im Browser. Moderne Browser reduzieren viele Probleme inzwischen automatisch, etwa durch das Vorreservieren von Platz für Bilder und Medien. Dennoch entstehen vermeidbare Reflows häufig durch dynamisch nachgeladene Inhalte, JavaScript-basierte Layout-Änderungen oder komplexe Animationen. Besonders auf mobilen Geräten kann dies spürbar Energie verbrauchen.

  • Nutze Service Worker:

    Service Worker ermöglichen es, Ressourcen und Inhalte in einem kontrollierten Cache zu speichern und so erneute Netzwerk-Anfragen zu vermeiden. Der grösste Mehrwert entsteht bei Webapps oder Progressive Web Apps, insbesondere wenn diese auch offline nutzbar sein sollen oder regelmässig verwendet werden. In solchen Fällen lassen sich Ladezeiten, Netzwerknutzung und wiederholte Parsing- und Kompilierungsarbeit deutlich reduzieren.

  • Baue ein Design System auf:

    Ein Design System hilft, wiederverwendbare Komponenten, Layouts und Styles zentral zu definieren und konsistent einzusetzen. Dadurch werden redundanter Code, doppelte Assets und inkonsistente Implementierungen vermieden, die sich negativ auf Performance und Wartbarkeit auswirken. Gleichzeitig erleichtert ein solides Design System das Einhalten von Performance-, Accessibility- und Nachhaltigkeits-Standards über alle Seiten hinweg.

  • Reduziere Third-Party-Scripts:

    Drittanbieter-Scripts (Analytics, Ads, Social-Media-Widgets, Chat-Tools) sind oft die grössten Energieverbraucher auf einer Seite. Sie verursachen zusätzliche Netzwerkanfragen, CPU-Arbeit auf dem Endgerät und laufen oft unabhängig vom Nutzerverhalten im Hintergrund. Umso wichtiger sind regelmässige Audits, um zu prüfen, welche Skripte tatsächlich einen Mehrwert liefern und welche verzichtbar sind. Wo möglich sollten Third-Party-Funktionen zeitlich verzögert, zustandsabhängig geladen oder durch leichtere Alternativen ersetzt werden.

  • Nutze Speculation Rules API für intelligentes Prefetching:

    Die Speculation Rules API ermöglicht es, zukünftige Seitennavigationen im Hintergrund vorab zu laden oder sogar komplett zu rendern. Nutzer:innen erleben dadurch quasi-sofortige Seitenwechsel, was weniger Wartezeit und damit weniger aktive Endgerätezeit bedeutet. Dies wird momentan primär von Chromium-Browsern unterstützt.

  • Optimiere Schriftarten:

    Auch bei Schriftarten steckt viel Potenzial. Durch den Einsatz des WOFF2-Formats, das dank Brotli-Kompression 30 % kleiner als WOFF ist, Subsetting auf die tatsächlich benötigten Zeichensätze sowie die Nutzung von Variable Fonts lassen sich Dateigrössen um 80–95 % reduzieren. Wer kein spezifisches Branding über Schriftarten transportieren muss, kann mit einem System Font Stack auf zusätzliche Downloads komplett verzichten.

  • Binde Videos effizient ein:

    Videos sind der grösste Datenverbraucher im Web und verdienen besondere Aufmerksamkeit. Autoplay sollte vermieden oder zumindest auf stumme Wiedergabe bei Sichtbarkeit beschränkt werden. Bei eingebetteten YouTube- oder Vimeo-Videos empfiehlt sich das Facade Pattern: Statt sofort den kompletten iframe zu laden – allein YouTubes Embed bringt über 500 KB an Scripts mit – wird zunächst nur ein statisches Vorschaubild angezeigt. Der eigentliche Player lädt erst bei Klick. Web Components wie lite-youtube-embed machen diese Umsetzung einfach und verbessern den Largest Contentful Paint um 500–800 Millisekunden.

Diese Liste ist nicht abschliessend. Auf technischer Ebene geht der Ansatz des Carbon Aware Computing noch einen Schritt weiter: Rechenintensive Aufgaben wie Builds, Imports oder Batch-Prozesse werden gezielt in Zeiträume oder Regionen mit einem hohen Anteil erneuerbarer Energie verschoben. Die Carbon Aware SDK der Green Software Foundation bietet dafür konkrete Werkzeuge, um digitale Services nicht nur effizient, sondern auch zeitlich und geografisch klimabewusst zu betreiben.

Nachhaltigkeit endet nicht bei der technischen Auslieferung – sie umfasst auch, wie digitale Services genutzt werden und welche Folgeprozesse sie auslösen. Gerade im Bereich E-Commerce lassen sich durch geschickte Benutzerführung und dezente Hinweise nachhaltigere Entscheidungen fördern: etwa indem wir Kund:innen darüber informieren, dass zusätzliche Zustellversuche oder Expresslieferungen mehr Energie verbrauchen.

Nachhaltigkeit ist mehrdimensional

Nachhaltigkeit umfasst weit mehr als ökologische Faktoren. Sie betrifft auch die wirtschaftliche und gesellschaftliche Verantwortung. Wir sollten digitale Services deshalb so gestalten, dass sie:

  • effizient und ressourcenschonend sind (Ökologie),

  • sich kosteneffizient betreiben und weiterentwickeln lassen (Ökonomie),

  • für alle Menschen zugänglich sind – unabhängig von Gerät, Fähigkeiten oder Infrastruktur (Gesellschaft).

Nur wenn wir alle drei Dimensionen berücksichtigen, entsteht nachhaltige digitale Wertschöpfung.

Nachhaltigkeit umfasst nicht nur ökologische Aspekte, sondern auch die Dimensionen Wirtschaft und Gesellschaft. Wirklich nachhaltige digitale Services entstehen nur dann, wenn alle drei Bereiche gemeinsam berücksichtigt werden.

Lukas Kocherhans
Sustainability Ambassador, Unic

Kleine Optimierungen, grosse CO₂-Wirkung

Oft entsteht der grösste Effekt aus vielen kleinen Optimierungen. Bereits der Umstieg auf moderne Bild-CDNs oder das konsequente Nutzen von Caching-Strategien kann über Monate hinweg beträchtliche Datenmengen und damit CO₂ einsparen.

Nachhaltigkeit als Qualitätsmerkmal – jetzt handeln

Unternehmen tragen eine entscheidende Verantwortung gegenüber Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft. Digitale Services sind längst kein nebensächlicher Faktor mehr – ihre Gestaltung hat reale Auswirkungen.

Nachhaltigkeit gehört heute bewusst als Qualitätsmerkmal in die Planung von Websites, Applikationen und digitalen Ökosystemen. Effiziente, performante und ressourcenschonende Lösungen sind ökologisch sinnvoll. Sie verbessern das Nutzungserlebnis und sichern langfristig die Wettbewerbsfähigkeit.

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