Schätzmethoden: Was wirklich funktioniert – und warum weniger mehr ist

Reto Eggimann

Reto EggimannJuni 2026

In Kürze

  • Scrum Poker ist unser De-facto-Standard: Er macht Schätzungen zum Gespräch – das ist sein Wert.

  • Die Drei-Punkte-Methode denkt Unsicherheit bewusst mit ein – ideal für Angebote und frühe Projektphasen.

  • Schätzqualität entsteht durch gute Architektur, gemeinsame Erfahrung und ehrliche Retrospektiven – nicht durch Methodenvielfalt.

  • Fokus schlägt Breite: Teams mit zwei beherrschten Methoden schätzen präziser als solche mit vielen halbbekannten.

Warum Schätzen so oft schiefläuft

Es ist ein vertrautes Bild: Ein Refinement läuft gut, die User Stories sind klar – und dann kommt die Frage nach dem Aufwand. Die Schätzungen liegen weit auseinander. Jemand nennt 2 Stunden, jemand anderes 2 Tage. Was folgt, ist kein Gespräch über Komplexität, sondern eine implizite Verhandlung, bis sich alle auf einen Mittelwert einigen, den niemand meint.

Das Problem ist selten die Methode. Es ist das Fehlen einer gemeinsamen Sprache. Und da setzt eine gute Schätzmethode an – nicht als Werkzeug, sondern als Einladung zur Diskussion.

Scrum Poker: Karten aufdecken, Unterschiede sichtbar machen

Scrum Poker – auch Planning Poker genannt – löst dieses Problem auf elegante Weise. Alle Beteiligten wählen gleichzeitig eine Karte und decken sie gleichzeitig auf. Wer «5» schätzt, während alle anderen «13» halten, muss erklären warum. Genau dieser Moment ist der Wert der Methode: Er macht Unterschiede sichtbar, bevor sie sich in falschen Zeitplänen manifestieren.

Bei Unic haben wir Scrum Poker als gemeinsame Schätzsprache etabliert. Wir haben ihn nie vorgeschrieben – er überzeugt von selbst, für kleine Sprints ebenso wie für grössere Schätzrunden. Wer ihn einmal erlebt hat, greift intuitiv wieder darauf zurück.

Die Drei-Punkte-Methode: Unsicherheit einplanen, statt sie wegzuschätzen

Es gibt Situationen, in denen Scrum Poker an seine Grenzen stösst. Ein Projekt ist noch nicht gestartet. User Stories existieren erst als grobe Ideen. Ein Angebot muss trotzdem stehen. Hier hilft eine andere Denkweise.

Die Drei-Punkte-Methode – auch PERT-Schätzung oder Drei-Zeiten-Methode genannt – fragt nicht nach einer Zahl, sondern nach drei: Wie lange im besten Fall? Im realistischen Fall? Im schlechtesten Fall? Aus diesen drei Werten entsteht eine gewichtete Schätzung mit einer nachvollziehbaren Bandbreite. Kund:innen verstehen auf Anhieb, wie sicher eine Schätzung ist – und können besser entscheiden, ob sie ein Risiko tragen wollen.

Die Methode macht sichtbar, was eine Punktschätzung verbirgt: dass Unsicherheit kein Fehler ist, sondern eine Information.

Drei Faktoren, die Schätzqualität wirklich bestimmen

Wir haben 28 Profis aus Backend und Frontend intern befragt. Neben den Methodenpräferenzen interessierten uns die offenen Kommentare – und die lieferten die relevante Erkenntnis.

Unsere Erkenntnis ist klar: Die Methodenwahl ist sekundär. Was zählt, sind drei Faktoren:

  • Klare Architektur und gutes Projektdesign zu Beginn

    – Wer eine gut durchdachte Aufgabe schätzt, schätzt präziser. Das klingt offensichtlich. Aber es bedeutet auch: Wer früh in das initiale Design investiert, schätzt präziser.

  • Methoden, die zum Kontext passen

    – Kein Framework passt in jeden Moment. Scrum Poker funktioniert im laufenden Sprint. Die Drei-Punkte-Methode passt in der frühen Angebotsphase. Wer das weiss, greift situativ zum richtigen Werkzeug.

  • Gemeinsames Lernen aus dem Vergleich von Plan und Ist

    – Schätzungen verbessern sich nicht durch mehr Methoden. Sie verbessern sich durch ehrliche Retrospektiven: Was haben wir geschätzt? Was war es wirklich? Was leiten wir daraus ab?

Schätzen ist kein einmaliger Akt. Es ist ein Lernprozess – und Teams, die ihn pflegen, werden besser. Nicht weil sie mehr Methoden beherrschen, sondern weil sie ihre eigene Erfahrung systematisch nutzen.

Fokus statt Vielfalt: Was wir jetzt anders machen

Wir haben eine klare Konsequenz gezogen: Unser internes Methodenframework fokussiert sich konsequent auf Scrum Poker und die Drei-Punkte-Methode. Wir haben die anderen Methoden aus unserem Framework gestrichen.

Das schafft drei Dinge:

  • Klarheit

    – Kein Methoden-Zoo, dem niemand folgt.

  • Vergleichbarkeit

    – Schätzungen aus verschiedenen Teams werden verständlicher.

  • Gemeinsame Sprache

    – Projektleitung und Entwicklung reden über dasselbe.

Wer Methodenwissen aufbauen will, findet bei uns erprobtes Wissen – kein Lehrbuch.

Sie überlegen, wie Sie Schätzkompetenz in Ihrem Team aufbauen oder fokussieren können? Schreiben Sie uns – wir besprechen das gern in einem kurzen Gespräch.