Green Betty: Ein Feature, das im Entscheidungsmoment wirkt

Carmen Candinas

Carmen CandinasAugust 2026

Umweltverträglichkeit direkt im Rezept

Das Feature «Green Betty» zeigt direkt beim Rezept, wie umweltverträglich ein Gericht ist. Jedes Hauptgericht erhält einen Score auf einer Skala von 1 bis 5, wissenschaftlich fundiert durch die Ökobilanz der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).

Projektleiterin Stephanie Wüthrich erklärt im Interview, wie Green Betty in die Customer Journey integriert wurde und was andere Teams daraus lernen können.

Betty Bossi hat am Digital Commerce Award den Sieg in der Kategorie «Sustainability Feature» geholt. Was bedeutet euch diese Auszeichnung?

Stephanie Wüthrich: Green Betty ist ein Herzensprojekt von sehr vielen Menschen bei Betty Bossi. Die Auszeichnung freut uns besonders, weil Nachhaltigkeit derzeit vielerorts etwas weniger im Fokus steht. Für uns bleibt das Thema aber zentral – für unsere Kundinnen und Kunden ebenso wie für unsere Umwelt.

Ihr habt Nachhaltigkeit fest ins Produkt verankert, anstatt es bei einer Kampagne zu belassen. Was macht Green Betty anders?

Wir wollten bewusst nichts Theoretisches machen. Es gibt schon genug Seiten, die erklären, was man essen sollte – das Problem ist, dass sich das kaum in den Alltag integrieren lässt. Wir wollten ein Werkzeug schaffen, das genau dort hilft, wo man es braucht: im Rezept. Information und Vergleichbarkeit statt reiner Wissensvermittlung – das unterscheidet Green Betty.

Wir wollten ein Werkzeug schaffen, das genau dort hilft, wo man es braucht.

Stephanie Wüthrich, Projektleiterin Green Betty

Und warum ist genau dieser Moment so entscheidend?

Auf der Rezeptseite entscheidet man, ob man das Gericht kocht. Genau dort müssen die Informationen sein und im richtigen Moment auftauchen und eine umweltverträglichen Menügestaltung unterstützen. Mit unserer grossen Reichweite hat jede kleine Entscheidung das Potenzial, in der Summe viel zu bewirken.

Wie sieht das konkret aus – was sieht man als Nutzerin, als Nutzer?

Jedes Hauptgericht erhält einen Score auf einer Skala von 1 bis 5 grünen Punkten. 1 entspricht dem heutigen Durchschnitt der Schweizer Ernährung, 5 ist der ökologische Idealwert. Wer regelmässig Rezepte mit 2 oder mehr Punkten kocht, isst bereits nachhaltiger als der Durchschnitt. Bei 4 oder 5 Punkten ist man schon sehr gut unterwegs.

Wie habt ihr sichergestellt, dass Green Betty nicht als Bewertung oder Vorwurf wahrgenommen wird?

Das war uns von Anfang an sehr wichtig: Green Betty sollte nicht belehrend und nicht negativ wirken. Die ersten Skizzen hatten noch rote und orange Punkte für tiefe Werte, also eine klassische Ampellogik. Das haben wir bewusst verworfen. Wir wollen kein schlechtes Gewissen erzeugen, sondern Lust auf Entdecken machen. Genuss mit Zukunft, nicht Verzicht.

Habt ihr das denn mit Nutzenden getestet?

Ja, wir haben viele Usertests, Interviews und Umfragen gemacht. Dabei hat sich gezeigt: Markierungen sind polarisierend. Sobald etwas wertend wirkt, verliert man die Leute – sie reagieren mit Ablehnung, und die Chance ist schnell vorbei. Übrigens: Bevor wir überhaupt auf eine Punkte-Skala kamen, wollten wir Blätter-Icons für die Skala verwenden. Die haben in Tests aber zu Verwirrung und Ablehnung geführt, besonders bei Personen, die gerne Fleisch essen.

Gibt es neben Green Betty weitere Massnahmen, mit denen Betty Bossi Nachhaltigkeit im Nutzererlebnis fördert?

Wir fördern aktiv Rezepte, die beliebt sind und nachhaltig gar nicht schlecht abschneiden, wie Älplermagronen oder Spaghetti Carbonara, und setzen dabei auf viele Einstiegspunkte: über Empfehlungen, Filter oder den Wochenplan. Man kommt kaum am Thema Nachhaltigkeit vorbei. Mit gezielten Nudging-Strategien (sanfte Verhaltenslenkung durch Gestaltung) erscheint bei nachhaltigen Top-Rezepten automatisch ein Ribbon (optisches Label auf der Rezeptkachel), der das nachhaltige Rezept noch stärker hervorhebt sowie weitere Empfehlungen für nachhaltige Rezeptsammlungen.

Bekommt ihr Rückmeldungen, ob Green Betty tatsächlich Verhalten verändert?

Verhaltensänderung zu messen ist sehr schwierig. Unser Ziel ist, dass nachhaltige Rezepte zu Lieblingsrezepten werden, nicht durch aktiven Effort, sondern weil das Angebot gut ist. Wir messen Interaktionen mit Buttons und Filterseiten, führen A/B-Tests durch und werten Kundendienstanfragen aus. Die Resonanz ist sehr positiv.

Was hat euch am meisten überrascht, seit Green Betty live ist?

Dass manche Nutzende den Bewertungen nicht ganz trauen. Das zeigt, wie tief Ernährungsmythen verankert sind: Viele glauben, dass alles Vegane automatisch nachhaltig ist – oder dass ein Rezept mit etwas Speck gar nicht nachhaltig sein kann. Bei den Älplermagronen gab es deshalb einige Rückfragen. Intern hat mich vor allem überrascht, wie viel Begeisterung das Projekt ausgelöst hat: Alle sind grosse Fans, Green Betty verbreitet sich wie von selbst über alle Kanäle. Neu planen wir deshalb auch in der Content-Planung noch aktiver mit Rezepten, die einen positiven Score haben. Und unsere Rezeptredaktion berücksichtigt sie bereits bei der Entwicklung neuer Rezepte.

Was würdest du jemandem raten, der Nachhaltigkeit als echtes Feature in seine Plattform bringen will?

  1. Daten statt Bauchgefühl. Usability-Tests und Interviews bringen unglaublich viel – nutzt sie.

  2. Nicht moralisch sein. Orientierung bieten statt Moral, und den Nutzenden keine zusätzliche Leistung abverlangen – alles muss einfach und ohne Extrameile erreichbar sein.

  3. Interdisziplinär arbeiten bringt Perspektiven-Wechsel – Produktentwicklung, Entwickler:innen, Ökobilanzexpert:innen, Rezept-Redaktion und Kommunikation müssen alle an Bord sein.

Daten statt Bauchgefühl. Usability-Tests und Interviews bringen unglaublich viel – nutzt sie.

Stephanie Wüthrich, Projektleiterin Green Betty

Wo soll Green Betty in Zukunft hin?

Unser Ziel ist, dass Nachhaltigkeit bei der Rezeptwahl irgendwann genauso selbstverständlich mitgedacht wird wie Kochzeit oder Schwierigkeitsgrad. Wenn Green Betty dazu beiträgt, haben wir viel erreicht. Wir möchten Green Betty darum vor allem bekannter machen und die Nutzenden noch besser in den Entscheidungsmomenten erreichen. Als Nächstes kommt das Feature auf die Rezepte-App von Betty Bossi. Mittelfristig haben wir noch einiges auf dem Wunschzettel. Zum Beispiel einen Umtausch-Button: Die Nutzenden könnten damit direkt im Rezept einzelne Zutaten gegen nachhaltigere Alternativen austauschen.

Und wir träumen davon, die Umweltbelastung pro Zutat visuell darzustellen, damit man auf einen Blick sieht, was bei einem Rezept wirklich ins Gewicht fällt. Letztlich geht es uns darum, etwas Praktisches mit echtem Impact zu schaffen. Bei über zwei Millionen Nutzenden ist die Hebelwirkung enorm, und die nehmen wir sehr ernst.

Stephanie Wüthrich, Projektleiterin Green Betty

Sie leitet bei Betty Bossi das Projekt «Green Betty» – die Skala, die die Umweltverträglichkeit von Rezepten auf bettybossi.ch sichtbar macht, entwickelt mit der ZHAW. Dafür wurde «Green Betty» am Digital Commerce Award 2026 als «Sustainability Feature» ausgezeichnet. Wüthrich lebt in Zürich und studierte an der HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich.

Stephanie Wüthrich

Hallo Betty

Betty Bossi schreibt seit Jahrzehnten Schweizer Kochgeschichte. Wir durften am neusten Kapitel mitschreiben: der digitalen Transformation. Was dabei entsteht, wenn zwei ihr Handwerk einbringen, zeigen wir in diesem Dossier.

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