Bossard: 600 Arbeitsstunden gespart – KI-Übersetzung für 17 Sprachen im B2B

Philippe Surber

Philippe SurberJuni 2026

In Kürze

  • Ausgangslage: 17 Sprachen, 38 Locales, ein globales Marketing-Team von 30 Personen, ein Redaktionsprozess mit Word-Exporten, Mails und manuellem Copy-Paste.

  • Hebel: AI Actions in Contentful übernehmen den ersten Übersetzungsentwurf. Field-Level-Lokalisierung hält Inhalte in allen Märkten konsistent.

  • Ergebnis: Während des Replatformings 600 Übersetzungsstunden eingespart.

  • Kernerkenntnis: KI-Übersetzung liefert keine Wunder, sondern einen belastbaren ersten Entwurf. Das ist genau das, was globale Marketing-Teams brauchen.

  • Einordnung: Die neue Plattform vereint Website und eShop auf einer Codebasis – Contentful liefert den Content Layer. Lokalisierung ist einer von mehreren Hebeln, die die neue Architektur ermöglicht.

Warum Übersetzung bei globalen B2B-Händlern zum Business-Engpass wird

Bossard beliefert als Schweizer Spezialist für Verbindungstechnik OEMs rund um den Globus – 3'300 Mitarbeitende, 82 Standorte, über eine Milliarde Franken Jahresumsatz. In dieser Dimension reicht ein einzelner Sprach-Workflow nicht. Es braucht einen, der in 17 Sprachen funktioniert, in 33 Locales, und dabei technische Präzision wahrt.

In der Praxis sah das früher so aus: Eine Redakteurin exportierte den Beitrag ins Word-Dokument. Schickte ihn per Mail an eine Übersetzerin. Bekam ihn zurück. Lektorierte. Kopierte ihn ins CMS. Multipliziert mit 17 Sprachen, multipliziert mit Dutzenden Seiten pro Monat.

Aus unserer Projektarbeit wissen wir: Menschen arbeiten nicht zu langsam – die Systemgrenzen sind das Problem. Jede Schnittstelle zwischen den Schritten kostet Zeit und Qualität. Jede Systemgrenze ist eine Bruchstelle.

Die neue Grundlage: ein Content Layer, der skaliert

Gemeinsam mit Bossard haben wir eine neue digitale Plattform aufgebaut, die Website und eShop in einem Frontend vereint. Contentful übernimmt denMarketing-Text wird pro Markt auf der Website . Das ist die Struktur, die B2B-Händler wirklich brauchen.

Auf dieser Grundlage bietet sich KI-Übersetzung als naheliegende Option an. Denn erst wenn Inhalte sauber strukturiert sind, kann eine KI verlässliche Ergebnisse liefern.

AI Actions in der Praxis: Was sie leisten – und was nicht

Contentfuls AI Actions übersetzen den Master-Content per Knopfdruck pro Entry in alle Zielsprachen. Keine Integration, kein zusätzliches Tooling. Die Redaktion prüft den Entwurf, passt Nuancen an, gibt frei.

Corina Sulzberger, zuständig für Online Marketing Projects bei Bossard, bringt es auf den Punkt:

With AI Actions, we can automatically translate existing content in a few clicks. It's key to getting the first draft fast – and that's super helpful.

Für B2B-Kontexte entscheidend sind zwei Konfigurationen:

Eigene Übersetzungsregeln. Bossard hat Produktbezeichnungen und Markenbegriffe als »nicht übersetzen« für die Website hinterlegt. Damit bleiben Artikelnummern, Produktnamen und Fachbegriffe in allen Märkten identisch – ein Muss, wenn Einkäufer:innen über Landesgrenzen hinweg recherchieren.

SEO und Alt-Text als Nebenprodukt. Dieselbe KI generiert Meta-Beschreibungen und Bild-Alt-Texte. Das klingt klein, skaliert aber enorm. Barrierefreiheit und Suchmaschinen-Sichtbarkeit fallen gewissermassen mit ab.

Wichtig aus unserer Erfahrung: Für juristische und regulatorische Texte bleibt Fachübersetzung notwendig. Bei allen anderen Inhalten liefert KI einen soliden Entwurf – und spart damit Fachübersetzer:innen Zeit für die echte Qualitätsprüfung.

Expert Note: Locale-Design macht AI erst skalierbar

Der eigentliche Hebel lag nicht nur in der Übersetzung per Knopfdruck, sondern in der Frage: Welche Locales müssen überhaupt eigenständig gepflegt werden?

Wir haben deshalb mit 17 Hauptsprachen (ohne Fallback) als sprachlichem Backbone gearbeitet und darauf aufbauend Markt-Locales mit Fallback definiert.

Ergebnis: AI liefert den Erstentwurf dort, wo er den grössten Hebel hat – und lokale Teams greifen nur gezielt ein, statt jede Marktvariante komplett neu zu pflegen.

Workflows: Das Ende der Microsoft-Teams-Pings

Der zweite Hebel ist die Automatisierung der Handoffs. Klare Workflows sind notwendig, sonst stockt sogar die beste KI – Freigaben bleiben hängen, Prozesse verzögern sich.

Für globalen Content wird der Workflow bewusst manuell gestartet – damit Inhalte erstellt, übersetzt und freigegeben werden: verlässlich und im Takt.

  1. Globaler Content wird in der Master-Sprache (EN) erstellt und reviewed.

  2. AI Actions erzeugen Übersetzungsentwürfe für die Ziel-Locales.

  3. Lokale Teams proofreaden und geben pro Markt frei (Market Validity).

  4. Anschliessend publiziert der berechtigte Personenkreis die Inhalte (rollen-/rechtebasiert).

Jede Freigabe löst den nächsten Schritt aus. Niemand muss mehr erinnern, nachfragen, eskalieren. Auf der technischen Seite haben wir den Publish-Prozess automatisiert: Jedes Mal, wenn Inhalte in Contentful veröffentlicht werden, startet ein Build. Der neue Content ist minutenspäter live – ohne IT-Ticket.

Governance: zwei Rollen, klare Zuständigkeiten

Bossard hält Governance bewusst schlank – mit zwei klaren Verantwortungsbereichen: Global erstellen & steuern (Content Creation/Review/Übersetzung) und lokale Inhalte freigeben (Proofreading pro Markt).

Aus unseren Projekten wissen wir: Governance scheitert selten an zu wenig Kontrolle. Sie scheitert fast immer an zu viel Komplexität. Zwei Rollen reichen, wenn die Werkzeuge die Prozesse abbilden.

Was die Zahlen zeigen

Kennzahl

Ergebnis

Eingesparte Übersetzungsstunden im Replatforming

600

Hauptsprachen (ohne Fallback)

17

Contentful-Locales (redaktionell gepflegt)

33

Locales ≠ Märkte: 33 umfasst alle in Contentful aktiv editierbaren Locales inkl. Marktvarianten/Fallback-Struktur.

Die Einsparungswerte stammen aus der Contentful Case Study zu Bossard: contentful.com/case-studies/bossard

Der eigentliche Wert liegt jedoch nicht in der einmaligen Einsparung. Er liegt in der neuen Skalierbarkeit: Neue Märkte erschliessen heisst jetzt, einen Locale zu konfigurieren, Content durchlaufen zu lassen, lokal zu prüfen.

Was B2B-Handelsunternehmen aus dem Projekt mitnehmen

Aus unserer Arbeit mit Bossard nehmen wir fünf Prinzipien mit, die wir jedem B2B-Distributor vor einem Content- oder Plattform-Projekt empfehlen:

  1. Lokalisierung ist ein Architekturthema, kein Tool-Thema. Ein Plugin draufmontieren ist kurzfristig gedacht. Lokalisierung in der Datenstruktur zu verankern – Stichwort Field-Level-Lokalisierung – ist nachhaltig und schafft die Grundlage für echte Skalierung.

  2. KI gehört in den Workflow, nicht daneben. Standalone-Übersetzungstools bringen punktuelle Zeitersparnis. In den Content-Workflow integrierte KI verändert die Art, wie Teams arbeiten.

  3. KI braucht klare Spielregeln. Bei Bossard wurden Fachbegriffe als »nicht übersetzen« konfiguriert. Das ist keine Magie – das ist Struktur. Ohne explizite Ausnahmen übersetzt die KI, was sie nicht soll.

  4. Governance schlank halten. Zwei klar abgegrenzte Rollen funktionieren besser als fünf verschwommene – wenn jede Rolle ein eindeutiges Verantwortungsgebiet hat und die Werkzeuge die Prozesse abbilden.

  5. Content-Audit vor Migration. Alte, fehlerhafte Inhalte ins neue System zu übernehmen ist teuer. Besser: Content-Audit parallel zur Migration – das zahlt sich doppelt aus, auch in Übersetzungskosten.

Fazit: Skalierbarer Content ist ein Wettbewerbsvorteil

Wer international verkauft, kann sich Content-Handarbeit nicht mehr leisten. Der Bossard-Case zeigt, wie KI-Übersetzung, saubere Content-Strukturen und klare Governance zusammenwirken. Die Frage ist nicht, ob KI in den Übersetzungs-Workflow gehört – sondern wann und mit welcher Architektur.

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