Selbstorganisation ist kein Selbstläufer

Sandro Dönni

Sandro DoenniJuli 2026

In Kürze

  • Macht verschwindet in selbstorganisierten Strukturen nicht – sie verlagert sich ins Informelle.

  • Schattenhierarchien entstehen durch Zugehörigkeit, Netzwerke, Reputation und informelle Kommunikationsräume.

  • Problematisch wird es, wenn Einfluss nicht mehr transparent, ansprechbar und gestaltbar ist.

  • Die strukturierten Meetings der Selbstorganisation sind das zentrale Mittel, um Einfluss sichtbar zu machen.

  • Der wichtigste Schritt: Muster früh, konkret und ohne Vorwurf ansprechen.

Wir organisieren uns nach Holacracy

Am 1. April 2017 haben wir unsere klassische hierarchische Führungsstruktur abgeschafft und mit dem dezentralen Organisationsmanagement Holacracy ersetzt. Die Einführung der agilen Organisation war ein mutiger Schritt in die Zukunft, die heute unseren Alltag prägt. Warum mutig? Das Konzept hinter Holacracy überträgt die Verantwortung und Entscheidungsgewalt auf unsere Mitarbeitenden; sprich auf dich. Klassische Chefs sucht man bei uns vergeblich.

Holacracy

Wie entstehen Schattenhierarchien in selbstorganisierten Organisationen?

Auch wenn Rollen und Entscheidungswege klar geregelt sind, entsteht Einfluss im Alltag nicht nur formal. Genau dort entstehen informelle Muster, die stärker wirken können als die offizielle Struktur.

Was sind Schattenhierarchien?

Schattenhierarchien sind informelle Macht- und Einflussstrukturen, die neben oder unterhalb der offiziellen Organisation wirken. Sie entstehen nicht durch Rollen oder formelle Entscheide (Governance), sondern durch Faktoren wie:

  • langjährige Zugehörigkeit oder Organisationswissen

  • persönliche Netzwerke und Nähe zu Entscheidungsträger:innen

  • fachliche Reputation oder rhetorische Stärke

  • informelle Kommunikationsräume

  • Ähnlichkeit in Hintergrund, Auftreten oder Perspektive

Warum sind Schattenhierarchien so wirksam?

Weil sie unsichtbar sind – und weil sie häufig mit guten Absichten einhergehen: Effizienz, Schutz des Ganzen, Erfahrung, Verantwortung. Genau diese Unsichtbarkeit macht sie schwer ansprechbar, insbesondere für Mitarbeitende, die noch nicht Teil informeller Netzwerke sind. Solche Strukturen wirken dadurch exkludierend, auch wenn niemand bewusst ausschliessen will.

Wie zeigen sich Schattenhierarchien in selbstorganisierten Strukturen?

Holacracy – das Modell der Selbstorganisation, das Unic seit 2017 lebt – schafft klare Rollen und Entscheidungsräume. Doch auch hier zeigen sich solche Muster oft subtil: Entscheidungen werden informell vorbereitet, Spannungen bilateral geklärt oder Initiativen still entmutigt. So entsteht leicht eine Lücke zwischen dem Anspruch auf Mitgestaltung und dem tatsächlichen Erleben.

Problematisch wird es dort, wo Einfluss nicht mehr transparent, nicht mehr ansprechbar und nicht mehr gestaltbar ist. Entscheidend ist, ob informelle Strukturen Beteiligung erschweren, einzelne Stimmen ausblenden oder gute Ideen ausbremsen. Für selbstorganisierte Organisationen ist das besonders relevant, weil solche Dynamiken dem Anspruch auf verteilte Verantwortung und gemeinsame Gestaltung widersprechen.

Wer erlebt solche Dynamiken – und wer nicht?

Nicht alle Menschen erleben Organisation gleich. Manche erleben viel Gestaltungsspielraum, andere nehmen Unsichtbarkeit, Hürden oder informellen Einfluss stärker wahr.

Diese unterschiedlichen Wahrnehmungen sind kein Widerspruch, den man auflösen muss. Sie sind ein Hinweis darauf, dass Erleben stark von Kontext, Rolle, Erfahrung, Vernetzung und psychologischer Sicherheit abhängt. Wer Selbstorganisation stärken will, sollte Räume schaffen, in denen Erfahrungen benannt, Spannungen eingebracht und Muster gemeinsam reflektiert werden können.

Was kannst du dagegen tun?

Selbstorganisation stellt uns wirksame Mittel zur Verfügung – aber nur, wenn wir sie aktiv nutzen:

  • Spannungen dort einbringen, wo sie hingehören.Die vorgesehenen Formate der Selbstorganisation – bei Unic sind das Tactical- und Governance-Meetings – sind keine Formalität. Sie sind das zentrale Mittel, um Einfluss sichtbar und gestaltbar zu machen. Nicht genutzte Formate sind der Nährboden für informelle Macht.

  • Einfluss explizit machen. Wenn jemand stark prägt oder steuert, lohnt sich die Frage: In welcher Rolle? Mit welchem Purpose? Mit welchem Mandat? Transparenz reduziert informellen Einfluss.

  • Facilitation als Schutzraum verstehen. Gute Facilitation sorgt dafür, dass nicht Lautstärke, Status oder Routine dominieren – sondern der Prozess. Sie schützt gerade auch leisere Stimmen.

  • Macht benennen statt tabuisieren. Selbstorganisation ist kein machtfreies System. Sie funktioniert aber nur dann gut, wenn wir Macht sichtbar, besprechbar und verteilbar machen.

  • Ansprechen, wenn es auftaucht. Wenn du solche Dynamiken wahrnimmst, hilft es, sie früh, konkret und im passenden Rahmen anzusprechen – nicht als Vorwurf, sondern als Beitrag zur gemeinsamen Entwicklung. Erst dadurch entsteht die Möglichkeit, unterschiedliche Wahrnehmungen zu verstehen, blinde Flecken sichtbar zu machen und die eigene Form der Selbstorganisation weiterzuentwickeln.

Eine Einladung zur Reflexion

Wer sich mit Selbstorganisation beschäftigt, kann sich folgende Fragen stellen:

  • Wie gut kennst du die Mittel deiner Organisation, um Spannungen einzubringen?

  • Wie oft nutzt du sie tatsächlich?

  • Was hält dich davon ab?

  • Und was brauchst du, um es künftig öfter zu tun?

Nicole Schenk, New-Work-Spezialistin bei Unic, schaut lächelnd aufs Notebook.

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Schattenhierarchien sind kein persönliches Versagen und kein Beweis gegen Holacracy. Sie sind ein Hinweis darauf, wo wir als Organisation noch lernen dürfen – und müssen. Wenn wir sie transparent machen, können wir gemeinsam gestalten und die Potenziale aller Mitarbeitenden nutzen. Das braucht manchmal etwas Mut und die Bereitschaft aller Menschen, sich einzubringen und die Zukunft gemeinsam zu gestalten.

Macht verschwindet nicht, wenn Hierarchien wegfallen. Aber sie wird gestaltbar. Und das ist der entscheidende Unterschied.

Sandro Dönni, Principal Transformation Consultant

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